20. bis 29.3.2026
Konzerte, Performances, Installationen, Diskursformate
Das Festival für zeitgenössische Musik der Berliner Festspiele versammelt unter der Leitung von Kamila Metwaly internationale Positionen aus Musik, Klangkunst, Performance, Experiment, Improvisation und Installation.
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MaerzMusik
Berliner Festspiele Schaperstraße 24 D-10719Berlin
„Organism untergräbt die sozio-historische Tonalität der Orgel, die den Triumph der Zivilisation über die Turbulenzen der Natur darstellt. Das Werk befreit hingegen ihre verborgene, turbulente Materialität. Eine Casavant-Pfeifenorgel aus dem Jahr 1910 wurde von einem historischen Ort in Montréal vor der drohenden Gentrifizierung gerettet und in ihrer pneumatischen Architektur modifiziert. Stabilisierungen wurden entfernt, die historisch betrachtet darauf abzielten, turbulente Strömungen zu eliminieren und die unkontrollierbare Klangwelt des Instruments zu befrieden. Lange unterdrückte Timbres erklingen nach Jahrhunderten der klanglichen Unterdrückung erstmals wieder. Die für das Werk ausgewählten Pfeifen weisen ein Höchstmaß an Instabilität auf und es kommt zu sogenannten Kantentonsprüngen. So werden diskontinuierlich subtilste Schwankungen erzeugt, was die energetischen Wechselwirkungen des Systems sinnlich erfahrbar macht.
Excitable Chaos wurde entwickelt, um unvorhersehbare kompositorische Zukunftsszenarien zu ermöglichen. Es handelt sich um ein nichtlineares Bewegungssystem, das durch den schnellen Austausch von potenzieller und kinetischer Energie zwischen seinen drei beweglichen Armen animiert wird. Gleitende Drehgelenke verschieben die allgemeine Gravitationsdynamik des Systems, während subtile Anpassungen der Dämpfergewichte seine kinetischen Resonanzen, Phasen und Grooves verfeinern. Diese Massen-Orbital-Modulationen ermöglichen es Excitable Chaos , unablässig chaotische Bewegungssysteme zu erzeugen, von denen jedes für sich ein stochastisches Universum darstellt.
Der Tanz von Excitable Chaos mit der Schwerkraft (dessen energetische Spannungen, Korrelationen und Umwälzungen kontinuierlich aufregende Welten formen und wieder auflösen) wird drahtlos erfasst und datenbasiert modelliert, um seine innere Lebendigkeit zu offenbaren. Durch die Verarbeitung dieses Stroms „lebendiger” Daten kann die generative Bewegung von Excitable Chaos die aerodynamischen Schwellenwerte von Organism steuern und kinetisches Chaos in einen Dialog mit akustischer Turbulenz bringen. Jede Welle eröffnet einen unbestimmten Zyklus kaskadenartiger Schwingungen, während sich im Laufe der Zeit chaotische Grooves stabilisiren. Die daraus resultierenden turbulenten Sonifikationen des Chaos dienen als Meditationen über das Gefühl des Einsseins, das spontan im Leben und in der Natur entsteht. Zugleich stellen sie eine Reflektion darüber dar, wie diese wilde, aber steuerbare Relationalität uns helfen könnte, noch unbekannte Welten auszudrücken.” – Navid Navab
Vanessa Porter – Schlagzeug
Andrei Cucu – Elektronik, Videoprojektion
Samir Odeh-Tamimi: Éndropía (2026)
für Schlagzeug solo, Elektronik und Videoprojektionen auf drei nebeneinander, hinter der Schlagzeuger*in aufgestellten Leinwänden
Entropie wird in der Physik und Thermodynamik häufig als ein Maß für die Unordnung bezeichnet. Da Unordnung jedoch kein definierter physikalischer Begriff ist, lässt sich Entropie auch als ein wohldefiniertes objektives Maß für die Menge an Information begreifen, die benötigt würde, um von einem beobachtbaren Makrozustand auf den tatsächlich vorliegenden Mikrozustand des Systems schließen zu können.
Die Schlagzeugerin Vanessa Porter präsentiert Samir Odeh-Tamimis visuelle und akustische polyrhythmische Komposition Éndropía , die nach der Entropie, nach Vermischungen von unterschiedlichen Ereignissen und Systemen in live-elektronischen Klangräumen fragt. Rhythmen werden dabei zu Teilen eines geschlossenen Systems, die sich prozesshaft mischen, verdichten und entmischen.
Music for Commons Sensed: No Nation Left But the Imagination
Jan St. Werner – Live-Elektronik
Louis Chude-Sokei – Stimme, Live-Elektronik
Jan St. Werner / Louis Chude-Sokei: No Nation Left But the Imagination (2026)
Uraufführung
Louis Chude-Sokei und Jan St. Werner untersuchen in ihrem fortlaufenden Projekt Grenzen, die durch die Mikrokosmen alltäglicher Situationen verlaufen. Hier treffen sowohl widerstreitende als auch miteinander harmonierende Geschichten aufeinander, die in einer Welt, die zunehmend von Überwachung und Apathie geprägt ist, Räume für ein gegenseitiges Zuhören eröffnen. In der Performance entwickeln die beiden Musiker einen radikalen Audio-Essay aus komponierten und improvisierten Teilen, in dem sich elektronische Musik und sprachliche Virtuosität begegnen.
In ihrer Konzertperformance befragen Jan St. Werner und Louis Chude-Sokei soziale Grenzen, Schwellen und getrennte Wirklichkeiten; sie loten dabei Themen wie Race, Migration und Raum musikalisch aus. Werner manipuliert die Stimme von Chude-Sokei in Echtzeit mit elektronischen Werkzeugen und projiziert die bearbeiteten Sprachfragmente über Lautsprecher. Die Musiker lauschen in diesem Prozess nicht nur den Stimmen und Geschichten des jeweils anderen, sondern beschäftigen sich auch mit der Art und Weise, wie sie selbst zuhören. Ihre Konzertperformance wird damit zur „öffentlichen Manifestationen eines Dialogs, der sich durch eine kontinuierliche Erforschung von Klang, Raum und dem gemeinsamem Zuhören auszeichnet,“ wie Louis Chude-Sokei bemerkt.
No Nation Left But the Imagination ist Teil des kooperativen Projekts Music for Commons Sensed , in dem Musiker*innen über Länder- und Genregrenzen hinweg aufeinandertreffen und mit dem Publikum in unerwartete Hörerfahrungen und ein verändertes Raumerleben eintauchen.
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Bewertungen & Berichte Music for Commons Sensed: No Nation Left But the Imagination
Neue Musik
Noise Is a Queer Space
Luxa M. Schüttler & Friends
In Noise Is a Queer Space entwirft Luxa M. Schüttler einen installativen Parcours und eine soziale Spielumgebung, in der Klang aus queeren Perspektiven erforscht wird. Ein Set von Snare Drums eröffnet vielfältige, heterogene Klangfelder, in denen popkulturelle Reminiszenzen aufscheinen.
In der Fluidität und Vorläufigkeit dieses Settings werden die Grenzen zwischen Komposition, Installation und freiem Spiel unterlaufen. Am Ende entsteht eine Art akustisches Gruppen-Selfie: queer, solidarisch, persönlich, hedonistisch.
Daniel Seitz, Carlo Grippa – Klangregie
Ricardo Eizirik – Beats
Sébastien Vaillancourt – Elektronik / Programmierung
Wojtek Blecharz / Joyce B. Koh / Jessie Cox & weitere
Valerie Renay – Stimme
Mathilde Conley – Trompete
Henrik Munkeby Nørstebø – Posaune
Jessie Cox, Matthias Engler, Nozomi Hiwatashi, Madalena Rato, Sofia Borges, Evi Filippou, Ángeles Rojas – Schlagwerk
Ray Lee – Klangskulpturen
Ash Fure – Video
Solistenensemble Kaleidoskop:
Mia Bodet, Anna Faber, Mari Sawada, Paul Valikoski – Violine
Yodfat Miron, Grégoire Simon – Viola
Uschik Choi, Sophie Notte – Violoncello
WhatWhy Art:
Hong Yoo – Daegeum
Jieun Kang – Haegeum
Hwayoung Lee – Gayageum
Woongsik Kim – Schlagwerk
Tea Rave:
Dambi Kim – Teezeremonie, Sound
Lou Drago – Sound, Performance
Isabel Lewis – Somatic Hosting, Sound, Performance
Margherita D’Adamo – Somatic Hosting, Performance
Dirk Bell – Bühnendesign und ATEMeATER Lautsprecherskulpturen
Ray Lee: Siren (2004), Klangskulpturen
Jessie Cox: Trambrin Phonographies: Unvoiced Ancestral Stories (2026) für Ensemble / Uraufführung / Kompositionsauftrag für MaerzMusik
Joyce Beetuan Koh: String by String (2022/2026), für Streichinstrumente, neue Version für MaerzMusik
Ángeles Rojas: Through companionship a sound opens into the earth’s darkness and flies (2024), für Fingerzimbeln
WhatWhy Art und Solistenensemble Kaleidoskop: Trembling (2024/2026), für traditionelle koreanische Instrumente und Streichinstrumente
Pauline Oliveros: The Single Stroke Roll Meditation (1988), für Snare Drum Solist*in oder Ensemble
Else Marie Pade: Siv Cirkler (1958), elektronische Musik
Ash Fure: Interior Listening Protocol No 1 (2022), für teilnehmendes Publikum
Aleksandra Słyż: Legends erase memory quietly (2026), für vibrierende Kissen / Uraufführung / Kompositionsauftrag für MaerzMusik
Wojtek Blecharz: Soft Power 2 (2025/2026), für vibrierende Kissen
Dambi Kim, Lou Drago, Isabel Lewis, Margherita D’Adamo, Dirk Bell: For Other Time (2018/2026)
Das erneut von Wojtek Blecharz ko-kuratierte Finale des Festivals beschäftigt sich mit dem Zusammenspiel von Architektur, Raum, Bewegung und Klang. Im Haus der Berliner Festspiele fragt dieses neue Kapitel von I AM ALL EARS, wie wir normative Formen der Präsentation und Rezeption von Musik ins Wanken bringen können. Die Performativität des sterilen Raums rückt dabei als Anti-Konzert-These in den Blickpunkt. Das Theater öffnet sich über seine formale Bühne hinaus zu Backstage-Gängen, Treppenhäusern und Räumen, die von den Akteur*innen belebt werden, die das Festival ermöglichen. Das Gebäude selbst wird zu einem hörenden Körper.
Es gibt viele Möglichkeiten, die Konzertinstallation zum Abschluss des Festials zu erleben, sich in Bewegung versetzen und aus der traditionellen Zuschauer*innenrolle befreien zu lassen. I AM ALL EARS eröffnet den Raum für Klangskulpturen, Live-Musik, eine multidirektionale Hörsession, eine Reihe von Ohr-Ouvertüren, ganzheitliche Klangerlebnisse und eine kollektive somatische Hörpraxis.
Gefördert aus Mitteln des Hauptstadtkulturfonds
Mit freundlicher Unterstützung durch das Polnische Institut Berlin
Geöffnet während der Konzerte und des Library-Programms im Haus der Berliner Festspiele
Zwischen den Bäumen im Garten des Festspielhauses spannen sich lange Saiten, das Publikum wandelt umher und ist eingeladen, sich zum vertiefenden Zuhören in eigens konstruierte akustische Kammern zu legen. Pelle Schillings LongStringInstallation eröffnet ungewöhnliche Lausch- und Sehperspektiven und begibt sich in einen klingenden Dialog mit Ellen Fullmans eindrucksvollem Long String Instrument.
Die kinetischen Installationen des niederländischen Künstlers Pelle Schilling spüren der Poesie physikalischer Phänomene nach. In seinen immersiven Arbeiten inszeniert er feinfühlige Dialoge zwischen mechanischen Systemen, Klang und räumlicher Dynamik und lädt das Publikum zu Momenten purer sensorischer Erfahrung ein. Im Zentrum von Schillings künstlerischer Praxis steht ein tiefer Respekt in Bezug auf die Autonomie der Zuschauenden: Anstatt Interpretationen festzulegen, entwirft er Umgebungen, in denen Betrachter*innen und Kunstwerk in einen intimen Dialog treten können. Seine Installationen fungieren als Instrumente, mit denen er mit Naturkräften genauso wie mit mechanischen Bewegungen zu komponieren vermag – und zugleich Räume erschafft, durch die sich die Zuschauer*innen frei bewegen und durch eigene Erfahrungen, Entdeckungen und sensorische Begegnungen individuelle Bedeutungen erschließen können. In der LongStringInstallation treffen natürliche und künstlerische Kräfte in akustischen Kammern aufeinander: eine Feedbackschleife aus Elektromagneten und Sensoren, die durch ihre Verbindung mit den Saiten der Installation Basstöne erzeugen, und der Wind, der ihre Spannung kontinuierlich verändert. Auf diese Weise greift Schilling Ellen Fullmans tiefsinnige Reflektionen über Saiteninstrumente auf und überträgt ihre Entdeckungen in eine ortsspezifische Installation, in der Wind, Bäume und die Saiten aus Stahl zum klingenden Ensemble werden.
Dauer
Sa 21.3.2026 - So 29.3.2026
Ort
Haus der Berliner Festspiele
Garten Schaperstraße 24
D-10719 Berlin
Partitur ist die erste internationale Ausstellung, die der dänischen Komponistin und Klangkünstlerin Else Marie Pade (1924 – 2016) gewidmet ist. Pade war eine Wegbereiterin der musique concrète und der europäischen elektronischen Musik. Über mehrere Jahrzehnte hinweg betrachtete Pade Klang als visuelles Medium von Intensitäten, Vielfalt und Dissonanz. Ihre Kompositionen führen die Zuhörer*innen durch Märchen, Stadtlandschaften und Albträume, mit Partituren, die die Notation, den Prozess und die kakophonischen Erzählräume des Lebens einfangen.
Ausgehend von Pades wegweisenden musikalischen Arrangements und Papierarbeiten zeichnet Partitur die künstlerische Entwicklung der Komponistin ab den 1950er-Jahren nach. Die Ausstellung entfaltet sich als immersive Hörumgebung, die an die räumlichen Strukturen ihrer Partituren und die von ihr neu gedachte Sprache für elektronische Komposition angelehnt ist. Begleitet wird die Ausstellung von einem Live-Programm, das Pades Erbe aufgreift und weiterführt. Es präsentiert in Berlin ansässige Klangkünstler*innen sowie Beiträge zu Musik, Kollektivität und dem Erbe von Künstlerinnen in der elektronischen Musik.
Sofie Krogh Christensen – Kuratorin
Ermöglicht durch die New Carlsberg Foundation
Mi–Mo 11:00–19:00
Di geschlossen
Ticketverkauf ausschließlich vor Ort und bargeldlos.
Dauer
Sa 21.2.2026 - So 10.5.2026
Ort
KW Institute for Contemporary Art
Auguststraße 69
D-10117 Berlin
Das Festival für zeitgenössische Musik der Berliner Festspiele versammelt unter der Leitung von Kamila Metwaly internationale Positionen aus Musik, Klangkunst, Performance, Experiment, Improvisation und Installation.
Kontakt
Berliner Festspiele
Schaperstraße 24
D-10719 Berlin